In meinem Schrank, da h├Ąngt ┬┤ne dreckige Weste. Das ist meine dreckige Weste, hab ich jahrelang getragen und wenn du sie umdrehst, sind da noch mehr Flecken, aber ich hatte nix anderes anzuziehen gehabt und bevor ich nackt rumlaufe in┬ádieser kalten Welt,

trag ich doch lieber diese Weste als gar nichts, und diese f├╝r so viele sch├Ąbige Weste hat mich tats├Ąchlich warm gehalten und manchmal, wenn es hart auf hart kam, war sie ein Panzer.

Schau, der Fleck hier, das ist mein Corner mit den jointsverrauchten D├Ânerabenden vor dem Imbizz mit den Jungs, der kleine Fleck, das ist meine erste Knastnacht wegen ┬┤ner Schl├Ągerei mit Nazis, dort ein Blutfleck wegen ┬┤ner Schie├čerei hinterm Kino, die nicht aktenkundig wurde, und hier, richtig dunkler Fleck, das ist mein Kumpel, der breit von ┬┤ner S Bahn gegen ┬┤nen Pfeiler klatscht, und der Spritzer, das ist der st├Ąndig leere K├╝hlschrank, und da, kaum zu sehen, der ewig vollgepisste Fahrstuhl zum 14. Stock, hier, dreh mal um die Weste, von Innen nach Au├čen: lauter Flecken von ignoranten Lehrern und rassistischen Beamten, die dir und deinen Eltern ┬┤ne 6 verpassen, Wohnungsbrand, Feuerbergstra├če, Papas Spielsucht und Papas G├╝rtel, Schwester auf LSD und hier, dieser Dreck, das sind sechs Beamte, die mir in ┬┤nem 1 Meter mal 1 Meter Fahrstuhl die Luft abdr├╝ckenÔÇŽ

Aber wenn man mal genauer hinschaut und die Weste gegen das Licht h├Ąlt, da siehste, es gibt auch noch saubere Stellen, da findest du Gott und Jesus, der Besuch meines Onkels aus Amerika, mein Opa, der Marienk├Ąfer auf der Fingerspitze meines kleinen Bruders, das rote Bonanzarad, das mir mein Vater geschenkt hat und Familientage, wo wir Kinder mit unseren Eltern den ganzen Tag lang einen Lachflash miteinander geteilt haben. Da sind die Tage, die mich mein Vater mit zum Hafen genommen hat und Mamas Bibelgeschichten am Abend vor dem Einschlafen.

Ich w├╝nsche jedem einen anst├Ąndigen Anzug statt so ┬┤ner Weste, doch meine w├╝rde ich jetzt nicht mehr eintauschen wollen, ich bin halt so nackig mit dreckiger Weste gro├č geworden, viel schwarze Haut zu sehen, und ich hab was dar├╝ber zu erz├Ąhlen, hier h├Ârt euch an, wie verhurt, wie sch├Ân, wie laut, wie geil und wie beschissen alles war, wie tot, wie eng, wie steinig, und schaut mal, wie geil mir die Weste gestanden hat und erstaunlich, wie viel Gezerre, Gepr├╝gel, Stechereien, Verhaftungen und Schwitzk├Ąsten meine Weste ausgehalten hat, ohne auseinander zu fallen. Und ich sehe es nicht ein, dass ich mich f├╝r sie sch├Ąmen m├╝sste oder sie nicht mehr aus dem Schrank holen sollte, um sie anzuziehen und mich euch darin zu zeigen, denn wie gesagt, ohne sie w├Ąre es k├Ąlter gewesen.