Gino hat vier ├Ąltere Br├╝der. Einer davon ist Murat.┬áMurat war nicht stark. Daf├╝r ein L├Âwe. Einer, der sich seine Krallen zwischen himmelragenden Betonkl├Âtzen und geteerten Spielpl├Ątzen stumpf gelaufen hat.

In seinem Leben gab es keinen Platz f├╝r Poesie. Keinen Platz f├╝r ein Jahr in Amerika und keinen Platz an der Hochschule. In seinem Leben gab es nur Gesch├Ąfte.

Murat dachte an seine kleine Mutter. Sie wird noch vor dem Fernseher gesessen und sich ihre Seifenoper angeschaut haben. ├ťberrascht hatte sie nach ihm gerufen, als es so sp├Ąt noch klingelte...

Murat zog sich die Jacke an und trat in den Flur. Durch das uneinsichtig gebrochene Glas der Wohnzimmert├╝r flackerte der Blauschimmer des Fernsehers. Er blieb einen Moment im Dunkeln stehen. Er sah seine Mutter vor sich, vor dem Fernseher sitzend, die H├Ąnde ├╝ber ihren dicken Bauch gefaltet, unter einem Landschaftsbild heimatlicher Berge und einem schwarz umrahmten Bild seines Vaters.

Vor einem Jahr hatte sein Schwager ihm den Job am Hafen besorgt. Container ein- und ausladen. W├Ąhrend andere eine Schicht schoben, schob sein Schwager zwei. F├╝r ein Haus. Murat hatte den Job nur angenommen, damit seine Mutter Ruhe gab. Weil er nicht mehr l├Ąnger das schwarze Schaf sein und sich nicht mehr l├Ąnger die neunmalklugen Belehrungen seiner Br├╝der anh├Âren wollte. Die mit ihm sprachen, als w├Ąre er 15, wie damals, als sein Vater starb und sie sich im Wohnzimmer versammelt hatten und ihm die Obhut der Mutter und seines kleinen Bruders Gino, der erst ein halbes Jahr alt war, ├╝bertrugen, in z├Ąhen, langatmigen Gespr├Ąchen, mit strengen Blicken und Augenbrauen, die st├Ąndig in die H├Âhe gezogen wurden und H├Ąnden, die unwirsch durch die Luft wirbelten und nach seinen Schultern griffen und an ihnen r├╝ttelten. Er hatte schweigend genickt zu allem, was sie ihm sagten, ohne wirklich zuzuh├Âren und nach dem Geklapper der T├Âpfe seiner kleinen Mutter in der K├╝che gelauscht. Seine Mutter wusste, was die S├Âhne mit ihm besprachen. Und sie hatte zu Allah gebetet, dass alles gut wird.

Murat hatte versucht, es am Telefon zu kl├Ąren. Aber man hatte ihn nur angeschrien, ob er denn spinne, auf dem Handy anzurufen. Man schrie ihn an, er solle sofort kommen, er h├Ątte eine Stunde Zeit, wenn er dann nicht da w├Ąre..., belie├č den Satz in der Schwebe und hatte aufgelegt.

W├Ąhrend Gino in seinem Bettchen schlief, ist seine Mutter ├Ąchzend aufgestanden, hatte das Gesicht wegen der Schmerzen in ihren Gelenken verzogen und war zur T├╝r gegangen. Mit ihren kleinen, beh├Ąbigen Schritten, die ihren K├Ârper von rechts nach links wippen lie├čen wie bei einer Ente. Sie wird durch die geschlossene T├╝r gerufen haben, wer denn da sei, man antwortete ihr, dass man ein Freund ihres Sohnes Murat w├Ąre, und sie hatte ge├Âffnet...

Murat war nicht stark. Daf├╝r ein L├Âwe.

Murat w├╝rde ein Flugticket kaufen und es seiner Mutter auf den Tisch legen. Mit einem Blumenstrau├č. Er h├Ątte das Geld seit Monaten gespart, wird er ihr sagen. Vom Job im Hafen. Und sie wird es glauben und ├╝bergl├╝cklich sein und stolz auf ihn. Er wird eine Wohnung f├╝r sich gefunden haben und ihrer Heimkehr w├╝rde nichts mehr im Wege stehen. Gino w├╝rde sie mitnehmen. Und wenn Murat selbst erst eine Wohnung h├Ątte, mit schicken M├Âbeln, wird er wie sein Schwager zwei Schichten durchziehen, f├╝r ein paar Jahre, und ein Gesch├Ąft aufmachen. Und dann wird er jemand sein.

Seine Mutter wurde von seinen Br├╝dern unterst├╝tzt. Mit ihrer Witwenrente konnte sie ganz gut davon leben, und w├Ąre Murat endlich auch verheiratet, h├Ątte er einen guten Job und eine eigene Wohnung, w├╝rde sie heimkehren. Dorthin, wo ihre Geschwister lebten und wo sich auf dem Dorffriedhof das Grab des Vaters befand. Er wusste, dass sie hier nichts mehr hielt, nur ihre Sorge um ihn. Dass es sie, seitdem sein Vater nicht mehr da war, fast umbrachte vor Sehnsucht nach ihrer Heimat.

Stets, w├Ąhrend seine kleine Mutter in der K├╝che das Essen zubereitet hatte, sparte sie nicht mit klugen Geschichten aus der Heimat, Geschichten, die Weisheit lehrten und Voraussicht. Die vor Augen f├╝hrten, worauf es im Leben ankam. Er hatte sich die Geschichten gerne angeh├Ârt. Und sich kl├╝ger gef├╝hlt als seine Br├╝der. Und geliebter. In der Schule lief es einigerma├čen, gut genug, um das Versprechen seines Vaters, der ihm eine Lehrstelle in seiner Firma besorgen wollte, wenn er soweit war, einzul├Âsen.

Er erinnerte sich an jenen Nachmittag, als sein Vater wortlos nach Hause gekommen war. Sp├Ąter als sonst. Er hatte Murat nur halbherzig begr├╝├čt, ist mit der Mutter in das Schlafzimmer verschwunden und er h├Ârte noch, wie seine Mutter besorgt fragte, was denn los sei. Und wenig sp├Ąter h├Ârte er ihren unterdr├╝ckten Aufschrei. Und er stand im Flur und eine gro├če Furcht ├╝berkam ihn. Nach einer Zeit ist seine Mutter herausgekommen, nur um ihm Abendbrot zu machen und ihre Augen waren verweint gewesen und als sie Murat so verloren da stehen sah, kamen ihr wieder die Tr├Ąnen und sie presste ihn schnell an ihren Scho├č, damit er es nicht sehen konnte und schickte ihn in die K├╝che und machte ihm Brot. Er fragte, was denn passiert sei und schaute sich nach seinem Vater um, der im Schlafzimmer geblieben war, aber seine Mutter sagte nur, es wird alles wieder gut, sie m├╝ssten nur beten, Allah wird ihnen beistehen. Und er betete. Morgens, mittags, abends. Er wusste nicht wof├╝r, doch er betete inst├Ąndig darum, dass alles gut werden w├╝rde. Es wurde nicht alles gut, aber sie bekamen Zeit. F├╝nf Jahre brauchte der Krebs, bis er seinen Vater aufgefressen hatte. F├╝nf schweigsame, tr├╝be Jahre. In dieser Zeit hielt er es zuhause kaum mehr aus. In dieser stillen Wohnung. Unter den verweinten Augen seiner Eltern. Unter den betretenen Besuchen seiner Br├╝der und Schwestern, die ihn stets ermahnten, auf die Eltern gut aufzupassen, bald sei er der Mann im Haus. Er vertrieb sich die Zeit lieber am Corner. Und er schmiedete Pl├Ąne f├╝r die Zeit, da sein Vater nicht mehr sein w├╝rde. Pl├Ąne, die seine Mutter absicherten und seinen Br├╝dern zeigen sollten, dass er ihre Ermahnungen und Belehrungen nicht gebraucht h├Ątte. Pl├Ąne, die weit ├╝ber das hinausgingen, was man von ihm erwartete. Und jetzt war es endlich soweit, er w├╝rde die dicke Kohle machen und seiner kleinen Mutter einen Traum erf├╝llen.

Murat war nicht stark. In seinem Leben gab es keinen Platz f├╝r Poesie.

Er war bis zum Hauptbahnhof gekommen. Und seine Angst vor dem, was ihn erwartete, war mit jeder Station gr├Â├čer geworden, und mit jeder Ansage ÔÇ×Zur├╝ckbleiben bitte" war ihm, als w├╝rde die Vorsehung zu ihm sprechen. Zuviel Kohle war den Bach runter. Es ging um ein 2 Kilo Kokspaket, das verloren ging und Murat war der Kurier dieses Pakets gewesen. Er war der Kurier schon sehr vieler Pakete gewesen und immer zuverl├Ąssig. Nie zu sp├Ąt. Bis aufs Gramm immer alles da. Nach einem halben Jahr g├╝tlicher Zusammenarbeit stellte man ihm einen Chauffeur zur Verf├╝gung, einen Taxifahrer, der eigentlich keiner war, sondern Mitglied der Familie. Und die Familie vergab keine zweite Chance. Sie waren nicht die Corleones aus ┬┤nem Film. Sie waren real und hart. Wie konnte das Paket verloren gehen? Polizeikontrolle. Der Fahrer sagte noch, es w├Ąre nicht n├Âtig, das Paket kurzfristig loszuwerden, darum war er Taxifahrer geworden, Taxen wurden so gut wie nie kontrolliert. Doch Murat ging der Arsch auf Grundeis. Was soll man sagen? Sie wurden nicht kontrolliert und als sie das Paket sp├Ąter aus dem Versteck holen wollten, war es weg. Zugegeben, es war keine Zeit da, um ein wirklich gutes, sicheres Versteck zu finden. Zugegeben, es war ein Wurf in ein Geb├╝sch. Im Nachhinein betrachtet war es ziemlich dumm weil riskanter als eine Taxifahrt durch eine Polizeikontrolle.

Und sie waren hereingest├╝rmt und haben ihr den Mund zu gehalten, und w├Ąhrend zwei oder drei die Zimmer nach ihm absuchten, schleppte der eine seine Mutter in das Wohnzimmer und deutete ihr, still zu sein...

Als sein Handy klingelte, erkannte er an der Nummer, dass es sein Bruder war. Es gab nur einen Grund, warum er anrief. Er wird ihm sagen, dass man die Mutter mit einem Kopfschuss in der Wohnung aufgefunden hat. ├ťbel zugerichtet. Er wird ihn fragen, wo er ist und ob er etwas wei├č. Er wird ihm antworten, dass er keine Ahnung h├Ątte, was da gelaufen w├Ąre. Und seine Br├╝der werden es ihm nicht glauben. Denn wer sollte Interesse daran haben, die Mutter zu t├Âten. Wer kam schon mit einer Waffe, wenn er nicht ihren Sohn suchte. Seine Br├╝der werden ihn versto├čen und verfluchen. Vielleicht w├╝rden sie ihn sogar an die Bullen verpfeifen. Oder gar t├Âten. Er schaltete das Handy aus.

So durfte es nicht enden!

Murat war stark. Ein L├Âwe. Einer, der sich seine Krallen zwischen himmelragenden Betonkl├Âtzen und geteerten Spielpl├Ątzen gesch├Ąrft hat.

Eine Handgranate. F├╝r alle F├Ąlle. Murat durfte nicht zulassen, dass seiner Mutter etwas passierte. Er musste das regeln. Sie werden sehen, was sie davon haben, ihn zu verarschen. Vielleicht geht er mit drauf, vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Er sa├č in seinem Kinderzimmer, h├Ârte durch die d├╝nnen W├Ąnde die t├╝rkische Seifenoper, die sich seine Mutter anschaute und holte unter der Matratze seine beiden Waffen hervor. Er schob die beiden Waffen in seinen Hosenbund, die Handgranate in die Jackentasche. Er ging zu seiner Mutter ins Wohnzimmer und erz├Ąhlte ihr die halbe Story. Nicht alles. Das Koks erw├Ąhnte er nicht. Seine Mutter weinte nicht. Sie brach auch nicht in hysterisches Geschrei aus. Vielleicht hatte sie etwas geahnt. Sie rief ihre Schw├Ągerin an, holte den kleinen Gino aus seinem Bettchen, packte ein paar Sachen zusammen und verlie├č die Wohnung. Im Flur drehte sie sich noch einmal zu ihrem Sohn um und k├╝sste seine Augen.

Er wird ihnen die Granate in das Caf├ę schmei├čen und jeder, der raus gerannt kommt, f├Ąngt ┬┤ne Kugel. Und dann wird er seiner Mutter ein Flugticket besorgen. Diese Woche noch. Diese Woche sollte sie heimkehren und stolz sein auf ihren Murat. Das war sein Plan. Schon immer gewesen...

Gino konnte sich nicht an Murat erinnern. Er war erst zwei gewesen, als sein Bruder verschwand.

Und es gab keine Explosionen. Keine Sch├╝sse in einem Caf├ę.

Keine Spur von einem L├Âwen.